Am Morgen des  9. November 1989 hatte ich Kohlen bekommen, die noch immer im Hinterhof vor der Kellertreppe lagen. Nach Feierabend schleppte ich dann etwa 2 Stunden lang Eimer für Eimer durch die katakombenähnlichen Kellergänge, wobei ich mich an den niedrigen Gewölben ungefähr 5x an den Kopf stieß. Danach wollte ich nur noch duschen und ins Bett. Am nächsten Morgen kam ich nicht so gut wie sonst aus dem Bett und beschloss einfach mal eine halbe Stunde später auf Arbeit zu gehen. Unterwegs war ich so mit dem Zurechtlegen einer Entschuldigung beschäftigt, dass mir gar keine Veränderung auffiel, weder das Leuchten in den Augen der Menschen, noch die halbleeren Straßen Ostberlins, noch die dunklen Fenster des Gebäudes, in dem ich arbeitete. Erst als ich reinging und mir ein Kollege statt eines „Guten Morgen“ ein „Na, auch schon drüben gewesen“ zuwarf, begann ich langsam munter zu werden. Wie, drüben? Na im Westen! Wieso? Na, die Mauer ist offen! ….. (Gänsehaut)….. Neee! (immer noch Gänsehaut) ….. Dann mein erster Gedanke: Na, ob das man gutgeht!

An den Arbeitstag selbst, kann ich mich eigentlich gar nicht mehr erinnern. Natürlich beschloss ich, mir das ganze nach Feierabend auch anzusehen und fuhr zu einem neueingerichteten Grenzübergang im Prenzlauer Berg. Dort standen in 3 langen Schlangen die Menschen schön ordentlich hintereinander, wo ich mich erwartungsvoll mit einreihte. Mit 10 Westmark (welche ich über einen Kredit bekam), meinem Personalausweis und meinem von Kohlestaub verdreckten Schlüsselbund. Den hatte ich vergessen sauber zu machen und deswegen jetzt saudreckige Hände. So ein Mist. Da geh ich zum ersten Mal in den Westen und das mit schwarzen Fingern. Peinlich. Ja, und dann war ich durch. Komischerweise kam gar kein Jubel in mir hoch, eher so etwas wie Scham, als uns die Wessis auf der anderen Seite mit Beifall und Bananen begrüßten. Und wohin jetzt? Am besten einfach den Massen hinterher. Und die meisten wollten zum Ku’damm. In die 3. U-Bahn wurde ich mit reingeschoben und am Ku’damm wieder rausgeschoben. Und da war auch gleich ein Kiosk, wo ich mir zur Feier des Tages eine Schachtel Malboro und eine Coca-Cola kaufen musste, vielleicht aus so einer Art Anpassungsbedürfnis, um dadurch vielleicht besser auf den Geschmack der neu erworbenen noch unfassbaren Freiheit zu kommen. Bei Joe am Kudamm wollte ich dann erstmal auf die Toilette, um mir die Hände zu waschen. Und da stand ich nur vor einem riesen Waschbecken, hatte schon die duftende Westseife auf den Händen und wusste nicht, wie man das Wasser aus dem Hahn kriegt. Wie geht’n hier das Wasser an? fragte ich die beiden Mädels, die hinter mir am Schminken waren. Ha, ha, ha, das war lustig! Brauchst nur die Hände drunter halten, da ist ne Lichtschranke, statt eines Wasserhahnes. Alles klar! Aah, das war schön, hab mir bestimmt 10mal die Hände gewaschen! Und den Schlüsselbund gleich mit. Danach hab ich mir noch ein Bier für 5 DM geleistet, hab den Menschen beim Feiern, Lachen und Weinen zugesehen und bin irgendwie wieder nach Hause gekommen. Erst als ich dann am späten Abend noch im Fernsehen sah, wie ein Bagger ein Segment aus der Mauer zog, fühlte ich, wie sich auch in meinem Inneren ein großer schwerer Stein löste und aus mir rauskam. Und dann kamen endlich die Tränen. Dann war es wahr.